Das Gold unserer Ostsee, sind die Tränen von Bäumen, die vor langer Zeit dort standen, als die Ostsee noch kein Meer war, sondern ein Wald. Dann brach die Katastrophe herein, und aus Millionen von Bäumen wurde Holz, totes Holz, dann Treibholz. Und im Moment ihres Todes gaben sie ihr Harz preis – ihre Tränen, das dann versteinerte und zu Bernstein wurde.

Manchmal, wenn man über einen Markt schlendert, kann man ihn kaufen. In ihm hin-und wieder eingeschlossen – ein versteinertes Insekt. Und auch wenn es schon so lange her ist, dass es lebte – sieht es aus, als könne es aus seiner goldfarbenen Hülle herausspringen und weiterfliegen – in die Stadt hinein.

Was war, ist aber schon so lange her. Und von dieser Zeit ist nicht viel geblieben, außer diesem Stein, der kein Stein ist, sondern versteinertes Harz, das die Ostsee immer mal wieder an den Strand spült – damit sich ein findiger Finder darüber freut.

Um uns herum so viel Schönheit. Und alles hat seine Geschichte, so wie dieser Stein. Was einmal war, ist vorbei – und dennoch wirkt es auf seine Weise fort. Wie konnte aus dem Blut der toten Bäume ein ganzes Zimmer gebaut werden, das Bernsteinzimmer? Und dann verschwand dieses Bernsteinzimmer in den Wirren des Krieges? Und was ist dieses Bernsteinzimmer? Ist es noch das versteinerte Harz der Bäume oder schon etwas Anderes? Ein Kunstwerk? Ein Geheimnis? Eine Legende?

Dinge entstehen aus etwas heraus, um zu etwas anderem zu werden. Das ganze Leben ist eine Abfolge von Ereignissen, eine Kausalkette. Wie kann eine Blume aus einem Samen heraus wachsen und auf meinem Balkon ihre Pracht entfalten? Es kommt mir wie ein Wunder vor. Da denke ich an das Lied: „Wunder gibt es immer wieder“. Ab was ist das? Muss man über Wasser laufen können, um sich als Wundertäter zu qualifizieren? Oder reicht schon dieser kleine gelbe Stein aus, den irgendjemand aus der Ostsee gefischt hat – die Erinnerung an einen Wald und das Meer…